Schüler sind keine Labormäuse

Jugend-Talkshow im Mannheimer Fernsehturm war professionell und brachte gute Impulse

 

Am Dienstag, dem 19. Juli lief die erste von mehreren Politik-Talkshows im Mannheimer Fernsehturm vom Stapel. Das Ungewöhnliche daran: Sie lag ganz in den Händen von Jugendlichen und war hochprofessionell und durchaus anspruchsvoll. Akteure waren bei diesem ersten Mal Jugendliche aus dem Elisabeth-von-Thadden-Gymnasium in Heidelberg. Die Diskussion mit Experten aus Politik, Wissenschaft und dem Bildungssektor wurde gefilmt und zeigt, wie man Wissen vermitteln und wichtige Kompetenzen im Bereich der Kommunikation und Motivation auf zeitgemäße Weise miteinander verbinden kann.

Das "Talkshow-Set" war gut durchdacht, Beleuchtung und Kameras schon Stunden vorher installiert, die Moderatoren wirkten locker und souverän. Vier junge Moderatoren bewegten sich sicher und hatten sich in wochenlanger Vorbereitung bis ins kleinste Detail vorbereitet. Sie führten ihre fünf Talkshow-Gäste gekonnt durch ganz unterschiedliche Themen rund um das Thema Bildung, schoben immer wieder Umfragen, Grafiken, kleine thematische Filmbeiträge ein, die ihre Mitschüler in den Wochen zuvor mit Unterstützung eines professionellen Filmteams aus Hamburg vorbereitet hatten.

 

Pro und Contra Gemeinschaftsschule

 

v.re.: Matthias Michalski (SPD) und Volker Beisel (FDP)

Es ging um die Probleme im aktuellen Schulsystem, um die Frage, ob die frühe Selektion nach vier Jahren Grundschule sinnvoll sei. Matthias Michalski (SPD Heidelberg) machte sich stark für das Modell der Gemeinschaftsschule, in dem unterschiedlich begabte Kinder sehr viel mehr im Klassenverband unterrichtet werden sollen. "Das ermöglicht bessere Chancen gerade für die Schwächeren. Das Sozialverhalten wird gefördert, denn die Schwächeren lernen von den Stärkeren", unterstrich er. Tendenzen in Umfragen unter Jugendlichen zeigten jedoch, dass gerade Hauptschüler diesen Schultyp eher ablehnen, obwohl sie davon profitieren würden.

Bei der Frage nach einem bundesweit einheitlichen Abitur waren sich die beiden Vertreter der Politik einig. Auch Volker Beisel (FDP Mannheim) lehnt politisches Engagement in dieser Richtung im Augenblick ab: "Da müssen notwendigerweise Kompromisse geschlossen werden und es kommt sehr auf die Standards an, die dann gesetzt werden: Gibt da Bremen oder Bayern das Maß vor? Das ist momentan ein großer Unterschied und Länder wie Baden-Württemberg verlieren dabei."

Lehrer Sascha Lieneweg sprang in dieser Frage gerne bei, dafür solle man im Moment keine Energien vergeuden, es gäbe viel dringendere Probleme zu lösen.

 

Lernen mehr als maximale Informationsaufnahme in minimaler Zeit

 

Bei der Frage, wie sinnvoll die Verkürzung der Gymnasialzeit auf acht Jahre sei, unterstrich Prof. Dr. Dragun, Neurologe vom Physiologischen Institut Heidelberg, die Bedeutung von Zeitdruck und Umgebung auf den Lernerfolg. "Lernen ist nicht nur Informationserwerb. Wir sind nicht wettbewerbsfähiger, wenn wir dieselbe Information in kürzerer Zeit in ein Gehirn hineinfiltern!" Schüler, die gelernt hätten, sich kurzfristig Wissen anzueignen um es in Prüfungen reproduzieren zu können, seien deshalb im Studium nicht unbedingt im Vorteil: "Die Vergessenskurve sinkt nämlich genauso steil und das wollen Sie bei einem Arzt im Anatomiestudium dann sicher nicht!"

v.r.: Prof. Dragun und Prof. Knörzer

Prof.Dr. Wolfgang Knörzer von der Pädagogischen Hochschule in Heidelberg plädierte für ressourcenorientiertes Lernen. Lehrer seien immer noch zu sehr auf Defizite und Wissenslücken ausgerichtet. "Es muss uns darum gehen, die Persönlichkeit zu stärken, den Jugendlichen ihre Stärken bewusst zu machen, das Bildungssystem in Kanada ist da viel weiter." Knörzer arbeitet mit einer Forschungsgruppe an einer Heidelberger Schule und hat dort das Schulfach Glück eingeführt. Die Tatsache, dass Hauptschüler am Anfang nicht in der Lage gewesen seien, auch nur eine einzige Stärke an sich zu benennen, habe ihn erschüttert.

 

Lehrer und Schüler auf Augenhöhe

 

Nach dem Erziehungsauftrag der Lehrer gefragt, waren sich alle einig, dass der in der Schule immer wichtiger würde und die Lehrer nicht selten überfordert seien. Sascha Lieneweg vom Elisabeth-von-Thadden-Gymnasium machte allerdings klar, dass es nicht um den Wettbewerb von pädagogischen Erfolgsrezepten gehe, sondern um das Gelingen einer neuen, respektvollen Art der Lehrer-Schüler-Beziehung. "Wir brauchen keine Schüler, die besser gehorchen können, die gehören auf den Kasernenhof. Wir müssen lernen, was Gleichwürdigkeit ist und die Politik hat die Aufgabe, uns dafür die Rahmenbedingungen zu schaffen." Die Kommunen sollten die Möglichkeit bekommen, selbst über mögliche Schulformen zu entscheiden und gut funktionierende Modelle zu entwickeln, die man dann übertragen könne.

Was generell im Schulwesen und im pädagogischen Apparat zu kurz käme, sei der körperlich-physische Aspekt. Knörzer und Dragun warben dafür, das Mitwirken des gesamten physiologischen Systems auf einen gelungenen Lernprozess stärker zu berücksichtigen. "Die Grundgesetze des Lernens und der positiven Motivation sind beim Kugelstoßen und beim Lernen von Lateinvokabeln die gleichen. Aber wenn ich meine Labormäuse so behandeln würde, wie heute Schüler traktiert werden, dann säße ich längst im Knast" beklagte sich Dragun.

Drei Minuten vor Schluss unterbrach dann ein Feueralarm auf der Plattform des Fernsehturms die spannende Diskussion, doch unten im Eingangsbereich verhalf die A-Capella-Band "Anders" vom Elisabeth-von-Thadden-Gymnasium zu einem würdigen Abschluss. "Das war ein gelungener Auftakt für unser Politik-Projekt", zog auch Projektleiter Günter Röser vom Starkmacher zufrieden Bilanz

 

Der Stadtjugendring Mannheim ist Kooperationspartner von "Talk im Turm". Unterstützt und gefördert wird das Projekt von der Landeszentrale für politische Bildung in Baden Württemberg, vom Programm "Jugend in Aktion" der Agentur "Jugend für Europa", der Jugendstiftung Baden Württemberg und dem Unternehmen BASF.

 

 

In der Rhein-Neckar-Zeitung und der Wormser Zeitung ist ein erster Artikel über die erste Talkshow von "Talk im Turm" erschienen. Die Wormser Zeitung hat ihn auch mit Bildern auf die eigene Webseite gesetzt.

 

Artikel in der RNZ hier>>

Webseiten-Beitrag der Wormser Zeitung hier>>

 

Und auf der Webseite des SWR ist ein sympathischer Beitrag erschienen, auch mit Interviews und einigen Life-Eindrücken direkt vor der ersten Show.

 

Beitrag gibts hier>>

 

 

 

 

Die Rhein-Neckar-Zeitung legte am 18. August noch mal mit einem ganzseitigen Artikel nach. Mit Click auf das Bild können Sie ihn lesen.

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